Papiergespenst der Gulden

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von Johann-Wolfgang Goethe, adaptiert von Iko Nomikus

Die Verhältnisse der Edelmetallwährung (aus Sicht der überwiegend konsumierenden Schichten)

Doch ach! Was hilft´s;
Wenn´s fieberhaft im Staate wütet,
Und Übel sich in Übel überbrütet. Kanzler

Der Arbeiter wird ungeduldig,
Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,
Und wären wir ihm nichts mehr schuldig,
Er liefe ganz und gar davon. Minister für Arbeit

Auch Herr, in denen reichen Staaten,
An wen ist der Besitz geraten?
Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
Und unabhängig will er leben!
Zusehen muß man, wie er´s treibt,
Wir haben soviel Rechte hingegeben,
daß uns auf Nichts ein Recht mehr übrig bleibt.
Auch auf Parteien, wie sie heißen,
ist heutzutage kein Verlaß.
Sie mögen schelten oder preisen.
Gleichgültig wurden Lieb und Haß. Schatzmeister

Welch Unheil muß auch ich erfahren!
Wir sollen alle Tage sparen, sparen!
Doch brauchen alle Tage mehr.
Und täglich wächst mir neuer Pein.
Den Reichen tut kein Mangel wehe:
Wildschwein, Hirsche, Hasen, Rehe,
Hühner, Gänse, Enten,
Deputate, sichre Renten.
Sie gehen noch ziemlich ein,
jedoch dem Volke fehlt der Wein.
Wenn sonst im Keller Faß an Faß sich häufte,
der besten Berg- und Jahresläufe,
so schlürfte unendliches Gesäufe,
der edlen Herren letzten Tropfen aus.
Der Stadtrat muß sein Silber pfänden,
verpfändet ist der Pfühl im Bette,
die Schweine werden nicht mehr fette,
es scheint, als gehe es zu enden. Kämmerer

Sag, weißt du nicht auch noch eine Not? Kaiser zu Mephistoles

Ich? Keineswegs! Den Glanz umher zu schauen,
Dich und die Deinen mangelts an Vertrauen.
Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser Welt?
Hier dies, dort das, und da ein bißchen Geld.
Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen. Mephistoles

Ich habe es satt, das ewige Wie und Wenn.
Es fehlt an Geld? Nun gut, so schaff es denn! Kaiser

Die Lösung der Bänker

Ich schaffe, was Ihr wollt, und schaffe davon noch viel mehr.
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte eben schwer.
Frevelhaft entledigt Ihr Euch Euer Schulden
Mit dem Papiergespenst der Gulden! Mephistoles

Der weitere Lustgarten (für die überwiegend konsumierende Schicht)

Kämmerer (eilig auftretend, zum Kaiser):
Durchlauchtigster, ich dacht nie in meinem ganzen Leben
vom schönsten Glücke solch Verkündigung zu geben:
Rechnung für Rechnung ist berichtigt,
Die Wucherklauen sind beschwichtigt.
Los bin ich der Höllenpein,
im Himmel kann´s nicht schöner sein.
Der Landsknecht fühlt sich frisches Blut,
Wirt und Dirnen habens gut.
Abschläglich ist der Sold entrichtet,
Das ganze Heer aufs neu‘ verpflichtet.

Wie atmet Eure Brust erweitert?
Das faltige Gesicht erheitert? Kaiser

Befrage diese, die das Werk getan.
Dem Kanzler ziemt´s, die Sache vorzutragen. Finanzminister

Beglückt genug in meinen alten Tagen.
So hört und schaut das schicksalsschwere Blatt,
Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
„Zu wissen sei es jedem, der´s begehrt:
Der Zettel hier, ist tausend Kronen wert.“ Kanzler

Ich ahne Frevel, ungeheuren Betrug!
Wer fälschte hier des Kaisers Namenszug?
Ist solch Verbrechen ungestraft geblieben? Kaiser

Erinnre dich! Du selber hast es unterschrieben;
Erst heute Nach als großer Pan,
Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:
„Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen.“
Du zogst sie rein, dann ward’s in dieser Nacht
Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
So stempelten wir die ganze Reihe.
Zehn, Dreißig, Fünfzig, Hundert sind parat.
Ihr denkt euch nicht, wie wohl’s dem Volke tat.
Seht eure Stadt, sonst halb im Tod verschimmelt,
Wie alles lebt und lustgenießend wimmelt!
Obschon dein Name längst die Welt beglückt,
Man hat ihn nie so freundlich angeblickt.
Das Alphabet ist nun erst überzählig,
In diesem Zeichen wird nun jeder selig. Schatzmeister

Und meinen Leuten gilt’s für gutes Gold?
Dem Heer, dem Hofe genügt’s zu vollem Sold?
So sehr´s mich wundert, ich muß es gelten lassen. Kaiser

Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb‘ und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
Pokal und Kette wird verauktioniert,
Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
So ist von nun an in allen Kaiserlanden
Papier zum Druck genug vorhanden. Mephistoles

Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
Und wenn man gräbt, so sei’s auf euer Wort.
Vereint euch nun, ihr Meister unsres Schatzes,
Erfüllt mit Lust die Würden eures Platzes,
Wo mit der obern sich die Unterwelt,
In Einigkeit beglückt, zusammenstellt. Kaiser

Die Teilung der Macht zwischen Adel und Bänker

Unmöglich wär’s, die Flüchtigen einzufassen;
Mit Blitzeswink zerstreute sich’s im Lauf.
Die Wechslerbänke stehen sperrig auf:
Man honoriert daselbst ein jedes Blatt
Mit Gold und Silber, freilich mit Rabatt.
Nun geht’s von da zum Fleischer, Bäcker, Schenken;
Die halbe Welt scheint nur an Schmaus zu denken,
Der Krämer schneidet aus, der Schneider näht.
Und alle Welt sich in neuen Kleidern bläht.
Bei ´Hoch dem Kaiser!´ sprudelt’s in den Kellern,
Dort kocht’s und brät’s und klappert mit den Tellern. Marschalk

Wer die Terrassen einsam abspaziert,
Gewahrt die Schönste, herrlich aufgeziert,
Ein Aug‘ verdeckt vom stolzen Pfauenwedel,
Schmunzelt sie und blickt nach uns´rem Schekel;
Und hurt’ger als durch Witz und Redekunst
Vermittelt es die reichste Liebesgunst.
Man wird sich nicht mit Börs‘ und Beutel plagen,
Ein Blättchen ist am Hintern leicht zu tragen,
Mit Liebesbriefen paart’s sich hier.
Der Priester trägt’s andächtig im Brevier,
Und der Soldat, um rascher sich zu wenden,
Erleichtert schnell den Gürtel seiner Lenden.
Die Majestät verzeihe, wenn ins Kleine
Ich das hohe Werk zu erniedern scheine. Mephistoles

Soll zwischen uns kein fernster Zwist sich regen,
Dann möchte den Zauberer ich zum Kollegen. Schatzmeister

Beschenk‘ ich nun bei Hofe Mann für Mann,
Gesteh‘ er mir, wozu er’s brauchen kann. Kaiser

Ich lebe lustig, heiter, guter Dinge. Page

Ich schaffe gleich dem Liebchen Kett‘ und Ringe. Ein Anderer

Von nun an trink‘ ich doppelt beßre Flasche.Kämmerer
Die Würfel jucken mich schon in der Tasche. Ein Anderer

Mein Schloß und Feld, ich mach‘ es schuldenfrei. Bauherren

Es ist ein Schatz, den leg‘ ich Schätzen bei. Geiz

Ich hoffte Lust und Mut zu neuen Taten;
Doch wer euch kennt, der wird euch leicht erraten.
Ich merk‘ es wohl: bei aller Schätze Flor,
Wie ihr gewesen, bleibt ihr nach wie vor. Kaiser

Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert? Narr

Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt. Mephistoles

Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh? Narr

Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie. Mephistoles

Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach? Narr

Heut Abend wieg‘ ich mich im Grundbesitz! Narr

Wer zweifelt noch an meinem Witz? Mephistoles

Das Übermaß der Schätze, die erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen. Prof. für Volkswirtschaft

Was solls, ihr Toren? Was soll uns das?
Es ist ja nur ein Maskenspaß!
Glaubt Ihr, wir geben Euch Gold mit Wert?
Sind doch für Euch in diesem Spiel
Selbst Rechenpfennige viel zu viel.
Im Nehmen sind wir unverdrossen,
Nach allem anderen fragen wir hernach. Finanzadel

Es bleibt doch immer nach wie vor,
Die Welt ein einzig großer Tor!
Wie doch der Schelm so viel verheißt,
Und nur verleiht, was golden heißt. Herold

Von denen, die all das hergestellt haben, was ´Schlund und Bauch´ begehren, ist leider nirgendwo die Rede.